Im Interview: KI-Künstlerin und Kalenderautorin Anja Frost

Heute haben wir unsere langjährige Autorin Anja Frost zu Ihren Erfahrungen mit KI-Bildgeneratoren befragt. Und das wollten wir wissen:

Frau Frost, Sie nutzen seit kurzem künstliche Intelligenz (KI) zur Erstellung von Bildern. Wie sind Ihre bisherigen persönlichen Erfahrungen bei der Verwendung von KI-Software?

Im Juli 2022 bin ich eher durch Zufall in einem Onlinebericht auf die App Dream by Wombo aufmerksam geworden, die das Einstiegstor zum großen Thema KI/generative AI werden sollte. Von Juli bis jetzt im Februar 2023 hat sich die Entwicklung rasant fortgesetzt und Globalplayer, die die Beta Phase hinter sich gelassen haben, sind hinzugekommen, wie z.B. Stable Diffusion und Midjourney.
Meine bisherigen Erfahrungen haben drei Dinge deutlich gemacht: Ohne ein technisches Grundverständnis ist ein Einstieg in die KI-Technik deutlich schwieriger. Neben Englischkenntnissen (für das Prompten selbst, Tutorials, Nutzen von anderen praktischen KIs), braucht es auch einen Überblick über das Zusammenspiel von einsetzbaren Programmen, um sein Ziel zu erreichen. So einige Open Source Tools benötigen eine abenteuerliche Installation und Codeanpassungen an die Grafikkartenleistung. Die KI alleine spukt keine 1:1 nutzbaren Dateien für einen fertigen Kalender aus. Weiterhin sind die klassischen Kenntnisse in Nachbearbeitung und Aufbereitung der generierten Dateien gefragt, um die Bilder für Druckmedien oder digitale Vorlagen einzusetzen.
Die Bild-KI ist lediglich ein Füllhorn an Möglichkeiten, die Kreativität in einem schnelleren Zeitrahmen auszuleben, aber man sollte sich vorher Gedanken über das Konzept und den richtigen Workflow machen.

Welche Software und Tools nutzen Sie konkret und wie aufwändig war die Einarbeitung, bis veröffentlichungsreife Ergebnisse entstanden?

Ich nutze momentan ein Abo in Midjourney und das kostenlose Kontingent bei Stable Diffusion. Beide Bild-KIs lassen sich sehr gut miteinander kombinieren. Stable Diffusion ist für seine Funktion des „Outpaintings“ bekannt. Oftmals fehlt am Rand der generierten Bilder noch „Futter“ d.h. eine Blumenvase steht unschön direkt auf dem Bildrand. Mit Stable Diffusion lassen sich diese Fehler durch die Outpainting Funktion beheben. Es gibt ebenso die Möglichkeit mittels Korrekturpinsel einzelne Bildelemente neu zu generieren und so ersetzen zu lassen.

Es heißt Probieren geht über Studieren. Begleitend zu den ersten Gehversuchen nutzte ich im Netz diverse Tutorials und Anleitung auf Youtube. Midjourney bietet den großen Vorteil, dass man anderen Usern beim Prompten zusehen kann und so die Verwendung von Texteingaben und Befehlsergänzungen für bestimmte Seitenverhältnisse usw. „abschauen“ kann. Bei Stable Diffusion verhält es sich anders. Dafür lassen sich Stable Diffusion-Prompts wieder über bestimmte Agenturen „verkaufen“.
Das zentrale Problem mit KI-Bildern ist die Bildabmessung. Man muss sie hochrechnen ohne Qualität einzubüßen. Midjourney-Bilder sind von Haus aus im 2:3 Verhältnis lediglich 1664×2432 Pixel bei 72 dpi. Das entspricht umgerechnet auf 300dpi nur 14×20,5 cm. Nicht wirklich riesig. Hier bedurfte es wieder einiger Recherche welches kostenloseTool in der Lage ist, für die u.a. bei Calvendo benötigte Qualität und Größe zu sorgen. Ich nutze dafür eine KI namens Cupscale. Das ist ebenfalls eine Künstliche Intelligenz, mit deren Hilfe Foto und Videomaterial hoch skaliert werden kann. Es ist beeindruckend wie viel mehr Qualität übrig bleibt, im direkten Vergleich zu einer puren Vergrößerung via Photoshop.

Wenn die Bildgröße stimmt, geht es weiter mit der klassischen Bildbearbeitung in Photoshop. Dazu gehören Retusche, Effektprogramm usw. Chat GPT kommt natürlich auch längst zum Einsatz für die spätere Produktbeschreibung.

Sie haben bereits tolle Kalender mit KI-Bildern veröffentlicht. Wie viel Arbeitszeit musste in die Vorbereitung und ggf. Nachbearbeitung jedes einzelnen KI-Bildes gesteckt werden?

Wenn man erstmal den Workflow raus hat, geht es um einiges schneller. Von der Idee bis zum fertigen hochladbaren Monatsmotiv vergehen im Schnitt 10 Minuten pro Bild. Die meiste Zeit geht für die Konzepterstellung und Ideenfindung drauf. Die Kalenderblätter sollen ja auch abwechslungsreich sein. Ich muss dazu sagen, wer einzig und allein für Calvendo Bildmaterial erstellt, wird im Schnitt länger brauchen.

Gibt es bestimmte Themenfelder und Motivwelten für die die aktuellen KI-Bildgeneratoren besonders gut geeignet sind? Was funktioniert aus Ihrer Sicht thematisch (noch) nicht?

Midjourney zeichnet sich durch seine Stärke im Kunstbereich aus. Ich nutze es gerne, um Bildmaterial im Stile von Kunsttechniken wie Linolschnittstile, Aquarelle, Öl-/Spachteltechniken usw. zu erzeugen. Beim Generieren eines Bildes spielt jedoch immer noch der Zufall eine sehr große Rolle. Man sollte flexibel genug sein, um sich überraschen zu lassen, und die Ergebnisse dann sinnvoll in ein schlüssiges Konzept stecken. Nicht jedes generierte Bild passt zu dem, was man eigentlich erreichen möchte. Man hat die Möglichkeiten Versionen zu generieren, oder sein Prompt noch mal anders neu zu formulieren. Midjourney kann derzeit noch nicht mit Textdarstellung in generierten Bildern umgehen. Der Versuch ein sofort nutzbaren Button wie „mit Planerfunktion“ zu erstellen wird scheitern. Auch ist ein pures Nachzeichnen von eigenen Fotos als 1:1 Gemälde noch nicht drin.

Wo sehen Sie generell für Gestaltungsprofi und Hobbyisten die Vorteile, Bilder über KI entstehen zu lassen?

Die Bild-KI bietet die Möglichkeit seine Ideen zeitsparend zu visualisieren und auf Funktionalität zu prüfen. Die Vorteile von KI-Technologie geht weit über den Bereich der reinen Generierung für Kunstbilder und fotorealistischem Material hinaus. Vom Modedesign, Gaming, Architekten, Layouter bis eben zum Marketing lässt sich die Bild-KI nutzen, als Ideengeber und „Produzent“ von Bildmaterial.

Welche Chancen oder Risiken ergeben sich kurz- und langfristig für Kreative durch diese neuen Möglichkeiten?

Die Chancen bestehen darin, dass neue Ideen zielgerichteter und schneller verwirklicht werden können, bei vergleichsweise geringen Kosten und Aufwand. Gerade im Kreativbereich können dem Kunden/Auftraggebern quantitativ mehr und vor allem einzigartige Vorschläge präsentiert werden. Auf der anderen Seite wird es auch Risiken im wirtschaftlichen Bereich geben durch die neue Technologie. Hautnah spure ich das derzeit selbst im Bereich der Stockagenturen, wo mit weiteren Einnahmerückgängen zu rechnen ist. Es ist wirtschaftlicher, eine Abbildung selbst zu generieren, anstatt sie teuer im Studio fotografieren/erstellen zu lassen oder fertiges Bildmaterial über kostspielige Abonnements bei Bildagenturen zu erwerben, die möglicherweise bereits von der Konkurrenz verwendet.

Denken Sie, dass mit den neuen Möglichkeiten innovative Kunstformen und -stile entstehen werden, oder repliziert die KI eher Bestehendes?

Die KI ist ein Werkzeug, das am Ende immer noch vom Menschen genutzt wird, der Entscheidungen trifft und nachträglich Veränderungen am generierten Bild vornehmen kann. Ich vergleiche die Bild-KI an sich gerne mit einer Collage. Sie allein für sich schafft etwas Neues aus vorhandenem Alten. Es wird aufgebrochen und neu zusammengesetzt. Eine neue Kunstform/Stil wird nur im Zusammenspiel mit dem Menschen entstehen.

Werden Sie weiterhin Ihrer Leidenschaft für das Fotografieren nachgehen oder verlagert sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit jetzt in Richtung KI?

Es ist nicht so sehr die Frage nach dem entweder/oder. Nach vielen Jahren der Fotografie ist die Bild-KI (genauso wie alles zum Thema KI) ein sehr spannendes Feld. Ich sehe es mehr als zusätzliches Werkzeug an, dessen man sich genauso bedienen wird, wie die Fotografie. Die KI ist eine logische Fortsetzung des ganzen Action-Scriptsbereich in Photoshop.

Sie haben über Jahre diverse Kalenderprojekte über CALVENDO veröffentlicht. Was reizt Sie an der Zusammenarbeit mit CALVENDO? Können Sie unseren Lesern etwas über Ihre Erfahrungen erzählen?

Ich habe 2014 meinen ersten Kalender bei CALVENDO erstellt. Als Teil des klassischen Stockfotobereichs war ich es gewohnt, dass meine lizenzierbaren Fotos nur digital verfügbar sind und man selten weiß, was mit dem Bildmaterial passiert. Gelegentlich stolpere ich zufällig über meine Stockfotos in Büchern, Zeitschriften oder im Internet. Mit den Kalendern möchte ich meinen Fotos eine reale Präsenz geben. Das Bildmaterial für die ersten Kalender lag bereits bearbeitet in Ordnern und mit CALVENDO bot sich mir die Möglichkeit, daraus mehr zu machen. Mittlerweile habe ich weit über 100 Kalenderdesigns mit CALVENDO veröffentlicht und es bereitet mir immer noch Freude wie am ersten Tag.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Frost!

Zum kompletten Portfolio von Anja Frost bei CALVENDO

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