Wie ein Teddybär zu einer äußerst kreativen Idee und einer neuen Leidenschaft führte

Haben Sie schon mal einen Teddybär oder eine Blume geröntgt? Auch wenn die Idee dem ein oder anderen zunächst abwegig erscheinen mag: Unser Autor Dr. Martin Strunk hat diese Idee weiter verfolgt und verbindet in seinen inzwischen vielfach ausgezeichneten Kunstwerken die Fotokunst mit Röntgenstrahlen.

In unserem heutigen Interview erfahren Sie mehr über seine Experimente und Erfahrungen auf diesem Gebiet. Und Sie werden sehen: Experimentierfreude zahlt sich aus!

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Martin Strunk (Copyright: Martin Strunk)

Herr Strunk, Sie sind Radiologe und verbinden in Ihren künstlerischen Werken die Fotokunst mit Röntgenstrahlen. Wie kam es zu diesem Faible?

Das war purer Zufall. Während meiner Facharztausbildung zum Radiologen in einer großen Unfallklinik sollte ein kleiner Junge geröntgt werden, weil er sich den Arm gebrochen hatte. Der Junge hatte aber große Angst vor dem Röntgengerät und wollte sich nicht röntgen lassen. Um dem Jungen die Angst zu nehmen, hatte unsere MTRA (medizinisch-technische Röntgenassistentin) eine geniale Idee. Um zu zeigen, dass beim Röntgen nichts Schlimmes passiert, machte sie dem Jungen den Vorschlag, seinen Teddybären zuerst zu röntgen, und das Röntgenbild vom Teddy würde sie ihm schenken. Gesagt, getan – alles lief problemlos.

Auf dem Röntgenbild vom Teddybären konnte man sein ganzes Innenleben erkennen. Drähte, Gelenke, Knöpfe, und sogar das Füllmaterial aus Holzwolle zeichnete sich auf dem hinterleuchteten Bild filigran und schon fast kunstvoll ab.
Dieser Eindruck ließ mich von nun an nicht mehr los, und als Blumenliebhaber stellte ich mir die Frage, wie denn wohl Blüten in einer Röntgenaufnahme aussehen würden.
Für mich war das Röntgenbild vom Teddybären der Beginn einer neuen Leidenschaft.
Eine erste florale Röntgenaufnahme machte ich darauf von einer Rose – doch das Ergebnis war erst einmal sehr enttäuschend. Das muss etwa im Jahr 2004 gewesen sein.

Was fasziniert Sie in diesem fotografischen Bereich am meisten?

Was mich an dieser Technik so fasziniert, sind die völlig neuen Einblicke in die unnachahmliche Ästhetik und Perfektion der Architektur der Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Formen und Strukturen. Die Radiographien sind kunstvolle Kompositionen aus Formen und Überlagerungen.

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Martin Strunk: FLEURS 2016 – Florale Fotokunst mit Röntgenstrahlen

Können Sie unseren Lesern den technischen Prozess und die Vorgehensweise etwas näher erläutern? Welche Ausstattung ist notwendig?

Um die technischen Grundvoraussetzungen für künstlerisch verwertbare Aufnahmen zu erfüllen, benötige ich eine spezielle Röntgenapparatur, die Expositionen des Films in sehr niedrigen Energiebereichen ermöglicht. Solche Geräte werden zum Beispiel in der Pathologie verwendet. Herkömmliche Röntgenanlagen aus dem Bereich der Humanmedizin sind hierfür nicht geeignet.

Im Gegensatz zur Fotografie ist für die Radiographie längst nicht jede Blüte für eine kunstvolle Inszenierung geeignet. Das Objekt muss eine bestimmte Dichteverteilung aufweisen, um die nötigen Bildkontraste zu erzeugen. Es dürfen keinerlei Beschädigungen oder Verschmutzungen am Objekt bestehen, da die Radiographie alles zu Tage bringen würde. Die Suche nach einem geeigneten floralen Motiv ist daher ein ganz zentraler Punkt bei meiner Arbeit.

Wie lange dauert es in etwa bis Sie ein fertiges Bild vor sich haben?

Ich arbeite analog in der Dunkelkammer und das ist sehr zeitaufwändig.
Wenn ich ein geeignetes florales Objekt gefunden habe, dann verschwinde ich meistens den ganzen Tag in der Dunkelkammer. Wenn alles gut läuft, dann habe ich am Ende des Tages ein passables Ergebnis in Form eines optimal belichteten Filmnegativs im Format von 24×30 cm vorliegen. Vorausgegangen sind dann allerdings bis zu 20 und mehr Belichtungsreihen. Und wenn es schlecht läuft, dann kann es auch schon mal mehrere Tage dauern, bis mir ein Ergebnis endlich gefällt. Im schlimmsten Fall stelle ich auch schon mal fest, dass ein Objekt gar nicht für eine Radiographie geeignet ist.

Danach folgen dann die Digitalisierung des Negativs mit einem Trommelscanner und Nachbearbeitungen wie Freistellung, Kontrast, Schärfe und ggf. auch Kolorierung wie in meinem Kalender „FLEURS 2016″ bei Calvendo. Diese Arbeiten sind teilweise noch zeitaufwändiger als die Arbeit in der Dunkelkammer.

fleurs_maerzMartin Strunk: FLEURS 2016 – Florale Fotokunst mit Röntgenstrahlen

Bei CALVENDO haben Sie bisher einen Kalender mit „Radiographic Art“ mit Blumenmotiven veröffentlicht. Nehmen Sie sich bei Ihren Experimenten auch gerne andere Motive vor? Oder sind Sie noch dabei, andere Motive auszuprobieren?

Florale Motive stellen ganz klar den größten Teil meiner Radiographien dar. Hier möchte ich meine Ergebnisse ständig weiter optimieren und neue Ideen und Objekte ausprobieren. Aber es gibt auch abstrakte Themen, an denen ich parallel arbeite. Allerdings habe ich bisher noch keine abstrakten Radiographien veröffentlicht.

Die Zahl der Kreativen, die sich diesem Thema widmen, ist noch recht klein. Haben Sie dennoch die Möglichkeit, sich mit anderen Künstlern darüber intensiver auszutauschen oder gelten Sie eher als einer der ersten Vorreiter auf diesem Gebiet?

Nein, als Vorreiter auf diesem Gebiet möchte ich mich nicht bezeichnen. Zwar ist die Idee der floralen Radiographien unabhängig von anderen Künstlern bei mir entstanden, aber meine darauffolgenden Recherchen zum Thema zeigten schnell, dass es bereits einige wenige Kollegen gab, die sich erfolgreich mit der künstlerischen Radiographie beschäftigt haben. Ein Beispiel dafür ist Nick Veasey aus Großbritannien, der sich jedoch vornehmlich mit technischen Radiographien beschäftigt.

Für Ihre Werke haben Sie bereits einige nationale und internationale Preise und Auszeichnungen erhalten. Welche waren das?

Ja, erfreulicherweise habe ich für meinen erstmals 2010 erschienenen Kalender „FLEURS“ bisher sieben nationale und internationale Auszeichnungen erhalten.

Diese waren in chronologischer Reihenfolge

– Goldmedaille Kalender FLEURS 2010, Internationale Kalenderschau Stuttgart

– Internationaler Kodak Fotokalenderpreis, Kalender FLEURS 2010

– Goldmedaille Kalender FLEURS 2012, Gregor International Calendar Award

– Internationaler Kodak Fotokalenderpreis, Kalender FLEURS 2012

– Bronzemedaille Kalender FLEURS 2013, Gregor International Calendar Award

– Gold-Auszeichnung Kalender FLEURS 2015, CALVENDO Verlag

– Jurypreis „Experimentelle Fotografie“, Kalender FLEURS 2015, CALVENDO Verlag

fleurs_maiMartin Strunk: FLEURS 2016 – Florale Fotokunst mit Röntgenstrahlen

Gibt es ein Thema oder einen Bereich, den Sie noch auf Ihrer Wunschliste haben und gerne mal ausprobieren möchten?

Wie schon erwähnt, würde mich das Thema der abstrakten Radiographien noch sehr reizen. Aber es benötigt sehr viel Zeit und Energie sich in eine neue Thematik einzuarbeiten, um schließlich auch Ergebnisse zu präsentieren, die meinem künstlerischen Anspruch genügen.

Und da ich die künstlerische Radiographie als intensives Hobby neben meinem Beruf als Radiologe betreibe, wird es mit dem Ausprobieren neuer Themen zeitlich eher schwierig.

Können Sie uns etwas über Ihre Erfahrungen mit CALVENDO erzählen? Wo sehen Sie die Vorteile von CALVENDO? Was ist Ihrer Meinung nach verbesserungswürdig?

Ich habe in meiner Zusammenarbeit mit CALVENDO bisher sehr positive Erfahrungen gemacht, und das unabhängig von den beiden aktuellen Auszeichnungen für meinen Kalender.

CALVENDO bietet jedem Fotografen / Künstler die Möglichkeit, seine Werke auf unkomplizierte Weise kostenlos einem großen Publikum zu präsentieren. Der Verlagsvertrag beinhaltet faire Regelungen zur Überlassung und Verwertung der Bildrechte und die Honorare sind angemessen. Diese klaren Vorteile beziehen sich jedoch auf den rein technisch-formalen Prozess der Publikation und sind keine Garantie für Erfolg.

Wie bei allen anderen Self-Publishing Plattformen auch liegt der große Nachteil für den Autor in der fast unüberschaubaren Masse der veröffentlichten Werke, gegen die sich jeder einzelne behaupten muss, um gesehen zu werden.
Vor diesem Hintergrund ist die Einführung der „Gold-Edition“ und „TOP 100″ sowie die Sortiermöglichkeit nach Verkaufsrang, Beliebtheit und Erscheinungsdatum ein gutes Instrument, die Masse an Publikationen zu überblicken und beliebte Werke hervorzuheben.

Was ich mir als Autor von CALVENDO noch wünschen würde, wäre eine Vertriebskooperation mit Buchhändlern vor Ort. Die erfolgreichsten CALVENDO-Projekte könnten zum Beispiel in Form einer Werbebroschüre Händlern und Kunden vor Ort zugänglich gemacht werden.

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Martin Strunk: FLEURS 2016 – Florale Fotokunst mit Röntgenstrahlen

Und wie machen Sie auf sich und Ihre Werke aufmerksam? Welche Kanäle und Möglichkeiten nutzen Sie hauptsächlich?

Bisher waren meine Homepage „radiographic-art.de“ und die Verlagskooperation mit der Herausgabe meines Kalenders „FLEURS“ die zentralen Instrumente der Selbstvermarktung. Die internationalen Auszeichnungen für den Kalender „FLEURS“ haben den Bekanntheitsgrad von Radiographic-Art  über diverse Pressemitteilungen zusätzlich erhöht.

Haben Sie schon einmal eine eigene Ausstellung mit Ihren Bildern organisiert?

Bedauerlicherweise habe ich diese Möglichkeit der Präsentation meiner Bilder bisher nicht genutzt. Nicht zuletzt auch wegen der Kosten, die bei der Organisation einer Ausstellung anfallen.

Doch gerade die physische Präsentation der Bilder in einer Ausstellung ist ein ganz entscheidender Punkt, um mit seiner Kunst im Gedächtnis des Betrachters zu bleiben. Die Organisation einer Ausstellung meiner Radiographien ist daher sicherlich ein Projekt mit hoher Priorität.

Welche Projekte sind bei Ihnen noch in Planung? Was haben Sie sich für die nächsten Monate vorgenommen?

Häufig werde ich gefragt, wo meine Radiographien käuflich zu erwerben sind, da es auf meiner Website bisher nicht die Möglichkeit des direkten Bilderkaufes gibt. Hier werde ich nun nachbessern und eine Verkaufsfunktion integrieren. Kurzfristig wird es dann auf meiner Homepage radiographic-art.de die Möglichkeit geben, ausgewählte Radiographien in einer von mir handsignierten Edition zu erwerben.

Herr Strunk, wir bedanken uns sehr herzlich für dieses Interview und Ihre Bereitschaft, unseren Lesern einen Einblick in den spannenden Bereich der floralen Fotokunst mit Röntgenstrahlen zu geben. Wir sind auf Ihre weiteren Experimente gespannt und freuen uns auf Ihre nächsten Projekte!

fleurs_januarMartin Strunk: FLEURS 2016 – Florale Fotokunst mit Röntgenstrahlen

Weiterführende Links:

Websitehttp://www.radiographic-art.de

CALVENDO-Produktgalerie: http://www.calvendo.de/galerie/autor/martin-strunk/

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