„Wenn alle normal sind, muss einer spinnen.“

Eher gewagte, weniger normale Bilder kennzeichnen den gleichzeitig individuellen und außergewöhnlichen, aber vor allem faszinierenden Stil des Künstlers und Bodypainters Beat Frutiger. Er selbst sieht sich als ein Teil des eines Naturgesetzes: „Wenn alle normal sind, muss einer spinnen!“ Wir freuen uns ganz besonders, dass wir mit Beat Frutiger dieses Interview führen konnten, in dem er uns viele interessante Einblicke in seine künstlerische Arbeit abseits der Normalität gibt.

Gleichzeitig möchten wir ihm an dieser Stelle noch einmal sehr herzlich gratulieren: In diesem Jahr erhielt er für sein Kalenderprojekt „Fremde Wesen“ sowohl den Hauptpreis der Jury beim Gregor Self-Publishing Calendar Award 2016 als auch eine Auszeichnung in der Kategorie Kunst/Kultur. Auch darüber erfahren Sie im Folgenden mehr.

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Beat Frutiger


Herr Frutiger, Sie sind Künstler, Maskenbildner, Bodypainter, Stylist, Fotograf und Traumgruppenleiter. Was war zuerst da? Lässt sich dies alles ganz einfach in ein und derselben Person vereinen oder liegt Ihr Schwerpunkt doch eher auf einem bestimmten Bereich?

Nach dem Abitur habe ich zwei Jahre Medizin studiert. Dabei gab es Zeiten, in denen außer dem Lernen für Prüfungen keine andere Beschäftigung mehr möglich war. Die Perspektive, dass ich als Arzt später auch mehr als 50 Stunden in der Woche einfach nur Arzt sei, ließ mich mein Studium abbrechen. Ich brauche für mein Wohlbefinden ganz unterschiedliche Zugänge zu dieser Welt.

Die Reihenfolge: Nach dem abgebrochenen Medizinstudium kam ein Studium als Kunstlehrer, Fotografie war ein Bestandteil dieses Studiums. Anschließend habe ich als Lehrer 30 Jahre lang Pubertierende in den Fächern „Zeichnen und Gestalten“, „Werken“ und „Fotografie“ unterrichtet. Parallel dazu kam die Weiterbildung zum Maskenbildner, dann Bodypainting und zehn Jahre Tätigkeit in einem Laientheater als Bühnenbildner und in der Maske. Durch das Bodypainting und den intensiven Kontakt mit unterschiedlichen Models kamen Weiterbildungen in Trance, Hypnose, Schamanismus und Traum dazu.

Es gab eine Epoche von mehreren Jahren, wo ich Trance und Bodypainting bewusst und ausschließlich kombiniert habe und mit den Resultaten im Jahr 2000 auch einen Preis gewonnen habe. Den Zusammenhang zwischen Bodypainting und Hypnose hier zu erklären, sprengt den Rahmen des Interviews. Tranceähnliche Zustände beim Nichtstun oder beim Autobahnfahren und Träume sind oft Inspirationsquelle.

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Beat Frutiger: Still Lifes

Seit der Pensionierung habe ich nun genügend Zeit, mich in allen Gebieten richtig auszutoben, auch als Model und Kalenderautor. Es gibt dabei grundsätzlich keinen bewussten Schwerpunkt. Ich verwende jeweils die Kenntnisse, die für meine Bildidee gerade nützlich sind.
In frühen Kulturen war es für den Schamanen kein Problem, kreativ als Gestalter, Lehrer und Heiler ganz unterschiedliche Fähigkeiten in einer Person zu vereinen. Leonardo da Vinci hat Leichen seziert, Kriegsmaschinen erfunden und Heiligenbilder gemalt. Das Problem, unterschiedliche Kompetenzen in einer Person zu nutzen, besteht historisch gesehen erst seit kurzer Zeit. Früher waren Menschen weniger auf einen Schwerpunkt in einem bestimmten Bereich spezialisiert.

Sie sagen, dass Sie gerne gewagte Bilder mit Menschen gestalten. „Normalere“ Bilder sind eher eine Seltenheit. Worin liegt für Sie der besondere Reiz abseits der Normalität? Was möchten Sie mit Ihren gewagten Bildern erreichen oder bewegen?

Die Normalität ist ein widernatürliches menschliches Konstrukt mit willkürlichen Grenzen und Kreativität ihr natürlicher Widersacher. Normale Kreativität ist ein Widerspruch in sich. Auch meinen Schülern und Schülerinnen habe ich jeweils erklärt, dass die normale Gesellschaft Kreativität fälschlicherweise als „schön“ bezeichnet, denn sie ist für das Normale gefährlich. Pubertierende begreifen das noch unmittelbar.

In meinem Kalender „EROTISCHE BODYPAINTING ZITATE“ habe ich das so formuliert: „Ethik und Moralisten sind kreativ beim Erfinden von Grenzen, Erotik und Künstler überwinden diese erfindungsreich.“ Man könnte auch sagen: „Wenn alle normal sind, muss einer spinnen.“ Ich betrachte mich da als einen Teil eines Naturgesetzes.

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Beat Frutiger: … wenn es nicht mehr wichtig ist …


Wie lange kann es dauern bis Sie Ihr gewünschtes Motiv so vorbereitet und inszeniert haben, dass es fotografiert werden kann? Übernehmen Sie dabei alle Aufgaben selbst oder arbeiten Sie eher mit einem Team?

Im Minimum dauert die Vorbereitung und Durchführung drei Stunden. Wenn das gewünschte Motiv noch vom Wetter abhängig ist, dauert es u.U. auch Jahre, bis ich das Bild so machen kann, wie ich will. Vorbereitungszeiten von mehreren Tagen sind normal. Die längste Bodypaintingzeit war 12 Stunden, 1-3 Stunden reines Bodypainting sind die Regel.

Die Zusammenarbeit mit dem Model ist an sich schon Teamwork. Ich schätze es, wenn sich meine Models kritisch und engagiert in ein Projekt einbringen.

Damit alles so wird, wie ich es haben will, arbeite ich selten in einem erweiterten Team. Der Aufwand im Team wird auch nicht zwingend kleiner und bezahlte Mitarbeiter kann ich mir gar nicht leisten. Wenn es sich ergibt und möglich ist, arbeite ich aber gerne beispielsweise mit einem befreundeten Fotografen zusammen.

Interessenten können u.a. über Jochen Schweizer ein Fotoshooting bei Ihnen buchen. Wie können sich unsere Leser ein solches Shooting bei Ihnen vorstellen?

In einem inspirierenden typischen Künstleratelier kreieren die Interessierten mit einem Künstler, der wie Leonardo da Vinci oder wie Gandalf aussieht, bei einem Glas Sekt oder einer Tasse Kaffee ihr individuelles Bodypainting-Thema. Eine Beispielmappe hilft bei der Wahl: Eine Marmorstatue, eine Frau aus Tausendundeine Nacht oder eine sexy Körperverzierung …

Anschließend genießen sie, wie der Pinsel oder der Schminkschwamm die Farbe auf ihre Haut aufträgt, und wie sie sich dabei äußerlich und auch innerlich verwandeln.

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Beat Frutiger: Fremde Wesen

Damit das Werk auch später wieder betrachtet werden kann, werden sie in Szene gesetzt und fotografiert, entweder im Atelier oder auf Wunsch auch draußen im Wald. Im Atelier haben sie Gelegenheit, die Farbe unter der Dusche zu entfernen, damit ihr Badezimmer zu Hause sauber bleibt.

Beispielmappe, Ablauf und weitere Informationen finden Interessierte auf der Website.

Außerdem habe ich Leuten schon zu einem speziellen Partyoutfit, zu einem Bodypainting für die Streetparade oder zu einem Geburtstagsevent verholfen. Das Fotoshooting ist dann in diesen Fällen Nebensache.

Wie groß ist die Nachfrage? Sind kurzfristige Termine bei Ihnen möglich oder sind Sie häufig schon längerfristig ausgebucht?

Wenn jemand ein Bodypainting/Fotoshooting möchte, das er oder sie in Auftrag gibt, kostet das recht viel; Private leisten sich das kaum oder gar nicht.

Von Firmen oder Institutionen kommen immer wieder Anfragen für Events oder für Werbung. Seit der Einführung der Digitalfotografie ist die Bedeutung von Bodypainting in der Werbefotografie aber deutlich zurückgegangen.

Die Nachfrage ist in den letzten 30 Jahren auch auf Grund der veränderten Moralvorstellungen stetig zurückgegangen. Außerdem gehört Marketing zu meinen ausgesprochenen Schwächen und ich habe noch keinen Manager gefunden, der diese Aufgabe für mich übernimmt.

Ich habe viel Zeit, kurzfristig ist mein Terminkalender allerdings voll.

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Beat Frutiger: body painting mandalas


Was waren für Sie die wichtigsten Bausteine auf dem Weg zum Erfolg?

– Gleich zu Beginn vor 30 Jahren konnte ich an drei internationalen Ausstellungen teilnehmen.

– Mein Buch „Schminke Maske Körperkunst“ und meine Maskenbildnerkurse haben mich bekannt gemacht.

– Regelmäßige Ausstellungen haben dazu geführt, dass auch die Presse und Fachzeitschriften wie Nikon News über mich berichtet haben.

– Die Digitalisierung ermöglicht es mir, auch farbige Bilder selber zu bearbeiten. Zu Zeiten der Analogfotografie konnte ich nur im s/w-Labor meine Fotos selber weiter gestalten. Bilder, wie die im Kalender „FREMDE WESEN“, wären zwar möglich, aber mit großem Aufwand und enormen Kosten verbunden gewesen.

– Über model-kartei.de konnte ich neue Kontakte knüpfen.

– CALVENDO gibt mir neue Möglichkeiten, an die Öffentlichkeit zu gelangen.

– Website und Internet helfen, dass man mich als Bodypainter schnell findet.

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Beat Frutiger: Fremde Wesen


Sie haben für Ihren CALVENDO-Kalender „Fremde Wesen“ zum einen den Hauptpreis der Jury des Gregor Self-Publishing Calendar Award 2016 erhalten und sind zum anderen für Ihr Werk in der Kategorie Kunst/Kultur ausgezeichnet worden. Können Sie unseren Lesern etwas mehr über diesen Kalender erzählen?

Eine Bekannte von mir war so begeistert von meinen Arbeiten, dass sie Model sein wollte. Allerdings war die Bedingung, dass man sie auf keinen Fall erkennen darf. Weil sie ein sehr markantes Gesicht hat, mussten wir uns Stellungen ausdenken, wo das Gesicht nicht sichtbar ist. Das hat unsere Kreativität ungemein gefördert. Gerade weil sie sich kreativ und engagiert auch ins Projekt eingebracht hat, konnten diese Bilder entstehen.
Das Ziel damit einen Kalender zu gestalten, war von Anfang an klar. Klar war auch, dass alle Bilder bei mir im Studio gemacht werden und dass ausschließlich sie Model für den ganzen Kalender ist. Zusammen haben wir Körperstellungen gesucht, ausprobiert und fotografiert und uns dann zu Bildideen inspirieren lassen, die ich dann später als Bodypainting-Fotografie umgesetzt habe. Die 12 Bilder sind innerhalb von sechs Monaten entstanden.

Was ist Ihnen als erstes durch den Kopf gegangen als Sie von Ihrem Gewinn erfahren haben?

„Eigentlich überrascht es mich nicht, dass dieser Kalender den Preis gewonnen hat. Er ist irgendwie der ‚normalste’ unter meinen eingesandten Kalendern“.

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Beat Frutiger: Fremde Wesen


Was hat Sie motiviert an diesem Award teilzunehmen?

Ich versuche immer wieder auf verschiedene Arten meine Kunst zu zeigen und mich damit zu positionieren. Die Teilnahme ist eindeutig kostengünstiger als eine private Ausstellung. Da möchte ich auch meinen Dank an den CALVENDO Verlag aussprechen für die Kostenbeteiligung.
Zudem habe ich mich erinnert, dass CALVENDO die Teilnahme an Wettbewerben in den Vermarktungstipps nennt.

Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich?

Ich finde die Auszeichnung toll. Der Besuch der Preisverleihung/Ausstellung war aber viel maßgebender: Ich bin beeindruckt von der Qualität, die ich da erleben durfte und ich habe die Ansprüche an mich wieder etwas höher geschraubt.

Haben Sie mit Ihrer Kunst in der Vergangenheit auch an anderen Wettbewerben teilgenommen?

Am KirchzARTener Fotosalon 2000 habe ich den dritten Preis gewonnen. In der Regel beteilige ich mich aber nicht an Wettbewerben.

Warum haben Sie auch Kalender als Veröffentlichungsart für Ihre Fotos gewählt? Was gefällt Ihnen an dieser Möglichkeit des Publizierens am meisten?

Früher habe ich durchschnittlich alle zwei Jahre in einer Galerie eine Ausstellung durchgeführt. In den Anfängen war das noch kostendeckend, d.h. die Kosten für die Ausstellung wurden durch Verkäufe an der Ausstellung bezahlt. Heute ist das nicht mehr so. Mit der Einführung des Internets haben auch die Ausstellungsbesucher markant abgenommen.

Mit dem Veröffentlichen in Kalenderform habe ich bei CALVENDO keine Kosten und viel mehr Leute, die sich meine Bilder ansehen.

Beat-Frutiger_1001 NachtBeat Frutiger: 1001 Nacht


Was schätzen Sie bei CALVENDO am meisten? Was ist Ihrer Meinung nach verbesserungswürdig?

Ich schätze, dass ich bei der Herstellung von Kalendern keine Kosten und dass ich mit dem Vertrieb keine Arbeit habe.

Dass mein Kalender mit den „schaurigen“ Geschichten aus 1001 Nacht von der CALVENDO-Jury abgelehnt wurde, im Gegensatz zu den „schönen“ Geschichten aus 1001 Nacht, hat mich etwas enttäuscht (die „schönen“ Geschichten aus 1001 Nacht kamen ja beim Gregor Award sogar auf die Shortlist). Ich wünsche mir noch eine Abteilung „Kalender für Erwachsene“, ganz nach dem Motto: Wenn alle normal sind, muss einer spinnen.

Weitere Informationen zu Beat Frutiger:

Website: http://www.fru.ch/

Lex-art: http://www.lex-art.de/lex-art.de/sicher/ef/html/frutiger__beat.html

Model-Kartei: https://www.model-kartei.de/sedcards/fotograf/381713/fruch/

Model Mayhem: http://www.modelmayhem.com/3489826

Modelbase: http://www.modelbase.ch/Fotograf-fru_ch-Gallery-5663

LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/beat-frutiger-93173165

Facebook: https://www.facebook.com/beat.fru

Jochen Schweizer: http://www.jochen-schweizer.ch/geschenkideen/fotoshooting-bodypainting-basel,default,pd.html

CALVENDO-Galerie: http://www.calvendo.de/galerie/autor/fruch/

Einen Beitrag zum internationalen Gregor Self-Publishing Calendar Award 2016 finden Sie hier.

2 Gedanken zu „„Wenn alle normal sind, muss einer spinnen.“

  1. Beat Frutiger war mein Kunstlehrer in Muttenz und er hat mich schier wahnsinnig gemacht, denn obwohl meine Bilder die besten des ganzem Schulhauses waren bekam ich immer miese Noten. Als ich um Stellungname bat hat er laut gelacht und mir gesagt: “Du brauchst die schlechten Noten, ich weiss dass du die Beste bist in diesem Fach, aber ich weiss du kannst es noch viel besser, als sollst du dich auch noch steigern können.“
    ich war schrecklich deprimiert (ausserdem brauchte ich die guten Noten um mein schlechtes Französisch bisl auszugleichen…), dass ich jahrelang nicht mehr gemalt habe und erst nach meiner Kunsthandwerklichen beruflichen Laufbahn begann ich endlich wieder zu zeichnen und malen, diesmal Hauptberuflich. Es gibt wohl kaum eine grössere Hassliebe als die zu meinem Kunstlehrer Beat Frutiger… (ausser vielleicht IKEA’s Imbusschlüssel… das ist auch Hasssliebe). Ich höre noch immer seine Absätze (Cowboystiefel) auf dem Boden im Schulgang und das Rascheln seines überdimensionalen Schlüsselbundes (er war auch der Materialverwalter an der Schule)… Ja Beat Frutiger ist tatsächlich einzigartig und ich würde ihn gerne wiedersehen, nicht als schutzlos ausgelieferte Schülerin die bewertet wird, sondern als Künstlerin auf Augenhöhe.

    • Guten Tag Robine,
      leider kann ich mich nicht mehr an Sie einnern. Meine Suche im Internet nach Ihren Koordinaten und Ihren kunsthandwerklichen Arbeiten war erfolglos. Für eine Begegnung bin ich auf etwas mehr Informationen angewiesen.
      Mit freundlichen Grüssen B. Frutiger

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